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Jan Opiéla, kath. Seelsorger
für ‚Roma u. Sinti‘ im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz
und Präses der Katholischen Landvolkbewegung im Erzbistum Köln
KARWOCHE 2026
Tag für Tag nicht nur Bilder und Nachrichten aus den Kriegsgebieten, sondern jetzt sogar erste spürbare Auswirkungen als dunkle Vorahnung von noch Ungewisserem.
Auf diesem Hintergrund scheint die Passion Jesu in den Liturgien noch einmal ganz anders zu ‚zuschlagen‘. Ebenso wie die nächtlichen Prozessionen im spanischen Sevilla, wo Tonnen schwere Kreuzwegszenen unter schrillen Trompetentönen bei Fackelschein und von ku-klux-klan ähnlich gewandeten Bruderschaften durch die Straßen getragen werden. Nicht weniger eindrucksvoll im sauerländischen Menden die Tradition des Kreuztragens auf den nahen Kapellenhügel von Gründonnerstag bis Karsamstag-Morgen, wo Stunde um Stunde jeweils ein anderer/ eine andere mit einem Gehilfen die Kreuzeslast spürbar schleppt. Noch einmal ganz anders, nahe dem litauischen Siauliai auf dem Weg nach Riga (Lettland), wo man das ganze Jahr mit dem Kreuz konfrontiert ist, denn dort auf dem ‚Berg der Kreuze‘ befinden sich ungezählt zig Tausende auf einem Hügel, der von einem schmalen Pfad durchschnitten wird und für mich emotional wie körperlich bedrängend, einer der eindrucksvollsten Wallfahrtsorte ist. Seine Anfänge liegen im 16. Jahrhundert und basieren auf Legenden, doch spielte dieser Ort von da an immer wieder eine große Rolle in den Freiheitskämpfen Litauens. Denn selbst wenn die Besatzer, Russen wie Deutsche den Berg als Ort des Widerstandes unter Androhung drastischer Strafen geräumt hatten, standen am anderen Tag schon wieder neue Kreuze da.
Das war der Hintergrund für meine Kreuzaktion im kath. Mädchengymnasium, St. Joseph in Rheinbach, wo ich mich neben der Pfarreitätigkeit als Schulseelsorger fragte, wie sich wohl eine ganze Schule (fast 1000 Schülerinnen) in der vorösterlichen Zeit auf das Hochfest hin, das kaum zu Fassende der Auferstehung, einstimmen lässt. Wobei erschwerend hinzukommt, dass ja bekanntlich der Höhepunkt aller großen christlichen Feste immer in die Schulferien fällt!
Eines Morgens hatte ich in der Eingangshalle einen riesigen Berg von großen Holzkreuzen aufgeschichtet. Richtig von mir schreinermäßig jeweils den Längsbalken mit dem Querbalken verbunden.
Allein dieser überraschende Anblick brachte von großer Aufregung über Ratlosigkeit bis Irritation alles, sogar die Frage nach der Zumutbarkeit für die Schülerinnen, ‚mit so etwas ohne Vorbereitung konfrontiert zu werden‘ … wohlgemerkt an einer erzbischöflichen kath. Privatschule!
Die Auflösung kam auch prompt von mir, denn jede Klasse, jeder Religionskurs bekam nun mit Beginn der Fastenzeit ein solches Kreuz, um sich damit auseinanderzusetzen, wobei jetzt erst recht Stimmung aufkam.
Wie gewollt und mit der Religionsfachschaft abgesprochen, setzten nun Diskussionen ein, ergaben sich Fragen um die Historie des Kreuzes, der Kreuze in der Welt und nicht zuletzt zu den Kreuzen und Kniefällen am Schulweg.
Hoch interessant wie nun in der folgenden Zeit Klassen und Kurse ganz verschieden mit dem ‚Ding‘ umgingen: Zersägen und als Kaminholz verwenden … weg damit / ganz in Mullbinden wickeln, damit es nicht mehr so kantig ist / mit Moos belegen und so wieder in die Natur eingliedern, also im Wald deponieren / ab zum Schreiner durch die Schredder-Maschine … und da befand es sich nun in einem durchsichtigen Kunststoffbehältnis mitten im Foyer der Schule … das ‚Kreuz‘ / je nach Anzahl der Schülerinnen in handliche Stücke zersägen, damit jede ein Teil nach Hause nehmen kann / bunt anmalen, so dass es sich in die Alltagsgegenstände einreiht und nicht mehr derart stört / mit Erde belegen und Grassamen ausstreuen, sozusagen als Osterwiese (doch keine goss in den Ferien!) / auch wurde das Thema der weiblichen Genitalbeschneidung widergespiegelt, indem das Kreuz mit einer weiblichen Brust versehen und darunter rot, blutverschmiert verfremdet wurde / andere haben es gleichfalls zersägt und dann versucht, es mit genau diesen Einzelteilen wieder zusammenzusetzen und damit sozusagen eine real begreifbare
Auseinandersetzung mit dem Kreuz
vollzogen.
Dieses wieder ‚zusammengebastelte‘ Kreuz hing jeweils zur Fastenzeit über Jahre in einer meiner Kirchen über dem Altar. Natürlich nicht zur Freude aller Gemeindemitglieder, welche direkt nach ‚ihrem alten, viel schöneren Kreuz‘ fragten. Auch hörte man sagen, wie eine solche handwerkliche Stümperei in einer Kirche einen derart zentralen Platz erhalten kann. Irgendwann ist diese fragile Kreuzkonstruktion dann tatsächlich zusammengebrochen.

Es wäre des Kreuzes-Tod gewesen, wenn nicht ein begeistertes und überzeugtes Gemeindemitglied handwerklich versiert eingegriffen hätte und es so wieder auferstehen ließ! Doch nachdem die ‚Kritischen‘ sich durchgesetzt hatten und einer meiner Nachfolger, sich derartigen Diskussionen ums Kreuz nicht aussetzen wollte, verschwand es, bis es dann irgendwann sein ‚Retter‘ aus dem Kirchenkeller holte und mir überließ.
Jetzt steht es bei uns in der Klosterkirche (und wird vielleicht auch bleiben!), das ‚hässliche Kreuz‘, Symbol für den Weg Jesu mit dem Kreuz, den wir weder emotional noch intellektuell erklärt und auch nicht eingeordnet bekommen, selbst wenn wir uns noch so bemühen.
Mit Blick auf dieses Kreuz bleibt im übertragenen Sinne unser Glaube stückhaft, setzt sich aus einzelnen Fragmenten zusammen und ist niemals eine glatte Sache, die sich wie ein ‚schönes‘ Kreuz als Gestaltungselement in den Raum gut einpasst.
Kreuz, ist Auseinandersetzung
zumal wenn wir Tag für Tag mit den realen Grausamkeiten, die dem Tod am Kreuz gleichzusetzen sind, konfrontiert werden.
Kreuz, bleibt Auseinandersetzung
besonders dann, wenn ich mich versuche, glaubensmäßig dem Gedanken zu nähern, dass mit Jesu Auferstehung, Kreuz und Tod ein für alle Mal überwunden sind.
Kreuz muss Auseinandersetzung bleiben
für uns Christen, die wir Jesus nachfolgen und uns der Botschaft seiner unbedingten Liebe verschrieben haben … denn, wenn wir uns nicht damit in dieser Welt auseinandersetzen, dann verraten wir Jesus erneut und befinden uns in bester Gesellschaft mit Petrus.
Zur Diskussion und für Rückmeldungen bitte E-Mail an: jan.opiela@web.de
